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Erster Mai 2000
Kanonen und Gewehre im Prater
Wie Österreichs Arbeiter zum erstenmal den 1. Mai feierten - aber der
Parteigründer Dr. Victor Adler derweil im Landesgericht einsass
"Die Soldaten sind in Bereitschaft, die Tore der Häuser werden geschlossen,
in den Häusern wird Proviant vorbereitet wie vor einer Belagerung; die
Geschäfte sind verödet, die Kinder wagen sich nicht auf die Gasse, auf allen
Gemütern lastet der Druck einer schweren Sorge..."
Was eine österreichische Zeitung der Vergangenheit, nämlich die Vorläuferin
der heutigen "Presse", da schildert, war keineswegs der Vortag des
Hitlereinmarsches 1938 oder des russischen Angriffs auf Wien 1945 - sondern
der 30. April 1890. Und die ganze Gefahr, die die bürgerliche "Neue freie
Presse" damals fürchtete, war der allererste Maiaufmarsch der Arbeiter in
Wien - jetzt gerade vor neunzig Jahren.
Bestandteile unserer heutigen Demokratie, wie etwa unser Wahlrecht, die
Gewerkschaften oder Parteien und ihre Demonstrationsfreiheit, wirklich
schätzen zu lernen, bedeutet, sich darüber im klaren zu sein, dass es im
wahrsten Sinne des Wortes Errungenschaften sind, Dinge, die erst in hartem
politischen Kampf verwirklicht werden konnten.
Der Maiaufmarsch, um den es 1890 ging, ist übrigens gar keine Erfindung der
österreichischen Arbeiter. Erstens wurde am 1. Mai schon immer der Frühling
gefeiert, und zweitens stammt auch der Gedanke an einen Festtag der
Arbeiterbewegung nicht von uns, ja nicht einmal aus Europa - sondern
kurioserweise aus dem fernsten aller Erdteile, aus Australien.
Dort errangen die Bauarbeiter in der Kolonie Victoria schon 1856 - allerdings
nicht am 1. Mai, sondern am 21. April - einen Traumsieg: Sie erkämpften den
Achtstundentag, von dem die Österreicher in diesen Tagen nur träumen konnten. Die hatten damals noch Arbeitstage von 12 bis 18 Stunden; erst 1885 wurde bei
uns der Elfstundentag eingeführt - und auch da nur auf dem Papier.
Zunächst wollten die Arbeiter in den Vereinigten Staaten, einst radikaler
und besser organisiert als die europäischen, gleichfalls den Achtstundentag
erringen. Als grossen Demonstrationstag für dieses Ziel wählten sie den 1.
Mai. Weniger aus Frühlingsromantik, als vielmehr weil dieses Datum für den
"Moving Day" stand - der Tag der Übersiedlungen und des Abschlusses neuer
Arbeitsverträge. Und so beschloss der amerikanische Gewerkschaftskongress,
den 1. Mai für Demonstrationen und einen Generalstreik zur Durchsetzung des
Achtstundentages zu nutzen.
Ein Fehlschlag: Tagelang wurde gestreikt - ohne Erfolg. Im Gegenteil:
Unternehmer und Polizei nahmen den Streik zum Anlass, die Arbeiterbewegung zu
zerschlagen. Nach einer Strassenschlacht mit der Polizei am Heumarkt von
Chicago wurden sieben Gewerkschaftsfunktionäre zum Tode verurteilt. Einer von
ihnen beging Selbstmord; zwei wurden zu lebenslänglich "begnadigt" - und vier
gehängt.
Diese Tragödie gab der Maibewegung starken Auftrieb - am 14. Juli 1889, genau
hundert Jahre nach dem Beginn der französischen Revolution, beschloss ein
Internationaler Sozialistischer Arbeiterkongress in Paris (von den 400
Delegierten kamen sieben von der eben erst am 1. Jänner 1889 in Hainfeld
gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs; darunter auch
der 37jährige Parteigründer Dr. Victor Adler) die zweite
Arbeiterinternationale zu gründen und den 1. Mai künftig als Weltfeiertag der
Arbeit zu begehen - selbstverständlich mit dem Ziel des Achtstundentages.
Popp und Adler - bei seiner Rede ging der Satz: "Bei uns in Österreich
herrscht der Despotismus, gemildert durch Schlamperei" in die Geschichte ein
- stimmten zwar für die Resolution, sahen aber kaum eine Chance, in
Österreich eine Maidemonstration abzuhalten.
Die Wiener Behörden taten noch ein übriges, um das zu verhindern:
Ausgerechnet Ende Februar wurde Victor Adler festgenommen, um eine alte
Strafe von vier Monaten abzusitzen, zu der er wegen "Anarchistischer
Bestrebungen" verurteilt worden war. Adler hatte in zwei Artikeln in der
"Gleichheit" eine realistische Schilderung des entsetzlichen Lebens der
Wienerberger Ziegelarbeiter und der "Auflehnung der Tramwaysklaven"
geschrieben.
Der 1. Mai 1890 wurde in Wien trotzdem, auch ohne Adler, würdig gefeiert.
"Ich habe", schrieb Adler später, "die erste Maifeier nicht im Prater
miterlebt, sondern im Wiener Landesgericht, Zelle 32, im ersten Stock. es war
ein einsamer tag und meine erste Haft...und meine Erregung steigerte sich zu
einer fast unerträglichen Spannung. Das kann nur der ganz verstehen, der
miterlebt hat, was jene Maifeier für das Proletariat Österreichs bedeutete."
Die Bedeutung des 1. Mai Aufmarsches bestand, kurz gesagt, darin, den
Österreichern zu zeigen, wie stark die organisierte Arbeiterbewegung bereits
ist. Gleichzeitig aber sollte auch bewiesen werden, dass die Arbeiter keinen
Kampf, keinen Terror, keine Strassenschlachten wünschten - sondern nur eine
friedliche Demonstration für ihre Rechte. Für den Achtstundentag, einen
menschenwürdigen Lohn und ein allgemeines und gleiches Wahlrecht. Das Recht
zu wählen hatte der Mann, der mindestens fünf Gulden Steuern zahlte - also
etwa nur ein Viertel der Bevölkerung.
Und es konnte bewiesen werden. Obwohl, wie der Sozialist Dr. Wilhelm
Ellenbogen berichtete, der Prater "massenhaft von Infanterie, Kavallerie und
Artillerie besetzt war und Infanteriebataillone und Husarenschwadronen
demonstrativ durch die Alleen zogen, Ulanen hinter den Bäumen biwakierten und
die gesamte Polizei in Bereitschaft stand, fiel die Maifeier vielleicht in
keinem Land grossartiger und einheitlicher aus als in Österreich. Geradezu
überwältigend grossartig war die Maifeier in Wien. Von den 60 Versammlungen,
die vormittags stattfanden, waren viele zum Teil von 3-4000 Personen
besucht...Ein herrliches, jedem unvergessliches Schauspiel war aber der Zug
von weit über hunderttausend Wiener Arbeitern in den Prater...mit
freudestrahlenden Gesichtern, mit Weib und Kind und in glänzender Disziplin
den klugen Anordnungen ihrer eigenen Ordner folgend. Mitten unter den
geladenen Gewehren und Kanonen stieg aus hunderttausend Kehlen gleichzeitig
das "Lied der Arbeit" zum Himmel empor."
Und das, obwohl dieser erste 1. Mai ein Donnerstag , also ein Arbeitstag war,
und der Statthalter von Niederösterreich (und Wien) jede "eigenmächtige
Einstellung der Arbeit als unzulässigen Kontraktbruch mit Arrest und
fristloser Entlassung" bedrohte. In Graz hatte das Militär sogar alle
öffentlichen Gebäude und Brücken besetzt und gesperrt. Und die Feuerwehren
hielten kochendes Wasser bereit, um "gegen Rebellen operieren zu können".
Gegen Mittag steckte ein Genosse Victor Adler in seiner Zelle ein
Maiabzeichen zu, das er heimlich ansteckte, wenn der Aufseher nicht gerade
vor dem Guckloch stand. Und am Abend wusste Adler: "Die Arbeiterschaft ist
erwacht; es bedurfte nur eines Anrufes, des Appells, dass sie sich erhebe,
sich als Ganzes, als kämpfender Körper, als eine Einheit, als Klasse gegen
andere Klassen fühle und den lähmenden Traum ihrer Ohnmacht abstreife...nun
ist das Proletariat Österreichs zum Bewusstsein seiner Kraft gekommen und
steht am Beginn seiner Bahn, die zu gehen es keine Gewalt mehr hindern wird."
Aber da sollten noch Gewalten kommen, von denen Dr. Adler nichts ahnen
konnte: Der Dollfussfaschismus und die Nazibarbarei, die als erstes den
Arbeitern wieder ihren 1. Mai nahmen. Heute haben wir ihn endgültig...
Diese Zeilen schrieb Otto M. Fielhauer alias der Satiriker Habakuk 1980 für
die SPÖ Zentrale.
Nur 20 Jahre später, im Mai 2000, redet der blaue Regierungsteil von
SozialistischenÖsterreichBeschmutzern und die schwarze Hälfte schweigt wie
immer dazu.
An diesem kommenden 1. Mai wird es nicht darum gehen, für den Grossteil der
Bevölkerung das Wahlrecht zu erkämpfen, noch marschieren Arbeiter für den
Achtstundentag, es wird kein heisses Wasser gegen die Demonstranten
bereitgehalten werden und keine Gewehre werden auf sie gerichtet sein.
Vor 110 Jahren haben über Hunderttausend Wiener und hat ganz Österreich den
ersten Mai auch für diese Generation bereitet.
So etwas kann nicht vergessen werden, so etwas sollte nicht in ein
Gewohnheitsrecht verkommen, das niemand zu nutzen bereit ist.
Nehmen wir den 1. Mai als das, was er heute ist - ein Feiertag für die
Alten-, die Internet-, die Eltern- und jede Generation. Für Wähler, die diese
Regierung nicht wählten und sie auch nicht weiter an ihren Taten messen
wollen.
Nehmen wir uns die Freiheit und unser Recht auf eine feierliche Demo und
zeigen wir den Regierenden 110 Jahre nach dem ersten 1. Mai, was wir uns
tatsächlich unter Demokratie vorstellen.
Sophie-Theres Fielhauer (Habakuks Tochter), 27. April 2000
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