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Die Schaulustigen vom Burgtheater
Als der gebürtige Sudanese und gelernte Bühnenmeister Anthony Maw Stevenson,
37, in seiner Heimat ein Visum für Österreich ausgestellt bekam, wurde er
explizit darauf hingewiesen, dass die Menschen dort sehr freundlich wären.
Das war im März 1988. Die ständigen Ausweiskontrollen mußte er damals noch
nicht über sich ergehen lassen und mit den Jahren hat er den Umgang mit
jenen Österreichern gelernt,die ihm alles andere als freundlich gesonnen
sind. "Wenn mich jemand angespuckt hat, habe ich die Spucke weggewischt und
bin weitergegangen, weil ich kein Problem haben wollte. Wenn ich beschimpft
wurde, habe ich die Straßenbahn oder U-Bahn gewechselt", sagt Stevenson.
Bis zum Freitag, den 21. Juli, hat er zwölf Jahre lang rassistische
Verbalattacken und gelegentliches Anspucken zumindest so gut verdaut, dass er
hier in Wien weiter leben wollte. Den Überfall durch fünf Männer, die ihn und
selbst seinen dreijährigen Sohn Tutanch grundlos prügelten und die
zahlreichen Schaulustigen, die nicht eingegriffen haben, kann Anthony
Stevenson nicht einfach mehr wegstecken und verdrängen. "Ich habe nie
geglaubt, dass man mich schlagen würde."
Der Präsident und Obmann der "humanitären Hilfe für Afrika" träumt davon, das
Hauptquartier des Vereins in die Republik Tansania auf die Insel Sansibar zu
verlegen. Für sich und seine achtjährige Tochter Jaqueline und den
dreijährigen Tutanch wünscht er sich "zwei Jahre seelische Ruhe in Sansibar.
Dort ist meine Familie willkommen und die Kinder werden in die Gesellschaft
integriert".
Der Kleine ist nach dem Überfall jede Nacht schreiend aufgewacht und immer
wieder geht er zu seinem Vater, deutet auf seinen Magen und sagt: "Papa, das
tut weh". Dann tröstet ihn Stevenson mit: "Hab' keine Angst. Alles ist wieder
gut, es wird dich nie wieder jemand hauen".
Ganz sicher ist er sich aber nicht. Die Fremdenfeindlichkeit in Österreich
ist für ihn eine "Krankheit", die er nicht begreifen kann. "Ich habe an eine
gute Regierung geglaubt, die die Rechte der afrikanischen Minderheit
anerkennt. Mit dieser Regierung ist das nicht möglich. Ich habe das Gefühl,
man würde jeden Ausländer am liebsten begraben sehen", sagt Stevenson.
So etwas wie Respekt vor seiner Person hat er hier nicht kennengelernt, sagt
er. Und die meisten seiner Freunde würden ebenso fühlen. "Trotzdem kann ich
nicht einfach so weglaufen, ich muss meine Rechte verlangen." Sein Recht will
er sich demnächst vor Gericht mit seinem Anwalt Dr. Georg Zanger erkämpfen
und die fünf Schläger verklagen. "Was ich durch die Schmerzen fühle ist, dass
sie mich töten wollten. Ich habe den Krieg in meiner Heimat erlebt und will
nur meinen Frieden haben und nicht wie ein Hund gejagt werden." Vor ein paar
Tagen rief ihn die Klubobfrau der Grünen, Madeleine Petrovic, an, um sich für
den Vorfall zu entschuldigen. Sie kann sich vorstellen, den Überfall nach der
Sommerpause im Parlament zu einem Diskussions-Thema zu machen.
Die Mutter der Kinder, Chefköchin in einem bekannten Wiener Café, denkt nicht
daran, ihre Heimat wegen ein "paar Idioten zu verlassen". Sie findet es nur
bedenklich, dass sich durch die FPÖ-Regierungsbeteiligung "die Fanatiker
jetzt richtig raustrauen". Dass das Klima in Österreich aggressiver geworden
ist, beweist ihr "die feige Attacke auf ein kleines Kind." Nur "reinsteigern"
will sie sich jetzt nicht und hat ihren Kindern erklärt, dass sie "diesmal
Pech gehabt haben und einen richtigen Verbrecher gesehen haben". So, wie sie
es sonst nur aus dem Fernsehen kennen.
Sophia-Therese Fielhauer, 7. August 2000 |
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