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Burgfrieden oder: Glücklich ist, wer vergißt

Eines ist es, bestimmten Umgang mit der Vergangenheit zu kritisieren, etwas ganz anderes, diese Kritik in eine Ideologie, in Burgers Fall die Verherrlichung des Vergessens zwecks Frieden in der Gegenwart, einzubetten.

Kein Gedanke ohne Interesse, dieses wird an seinen geschichtsphilosophischen Thesen deutlich:

1. Die Vergangenheit hat mit der Gegenwart (i.e. die gegenwärtigen Menschen) ABSOLUT nichts zu tun. ("real ist die Nazizeit so versunken wie Karthago", "...neue Generationen sind herangewachsen, die mit dem Geschehen von damals absolut nichts mehr zu tun haben.")

2. Vergessen/Nichterinnern ist eine zivilisatorische/zivilisierende Leistung, Erinnern eine Kampfparole, Zwietracht säend. Seit den alten Griechen gibt es die "zivilisierende Tradition des Nichterinnerns"

Ad 1. Die Vergangenheit beginnt jetzt. Auch gestern hat mit heute sowenig oder so viel zu tun wie Karthago. Das noch fernere Troja kann in seiner Wirkung gegenwärtig im Laokoon des El Greco genossen werden.

Daß das Vergangene vergangen ist - logisch, daß es mit der Gegenwart nichts zu tun hätte - im besten Falle Wunschvorstellung. Der Mensch ist kein unhistorisches Wesen, Vergangenheit wirkt – materiell und ideell, individuell und gesellschaftlich. Ohne Erinnerung müßt ich die Zubereitungmeines Morgenkaffees täglich neu erfinden. Erinnerung an die Vergangenheit allerdings auch nicht unbegrenzt möglich, Wo die Linie, der Horizont zwischen Gegenwart und Vergangenheit gezogen wird, wo ein Zeitraum des Vergessens gewählt wird, ist für den Einzelnen eine Frage der Psychohygiene und seiner Psychodynamik, für Gesellschaften (also den Einzelnen als politischem Menschen) eine Frage der Interessen,v.a. eine Machtfrage, wobei sofort der Aspekt wer wen woran erinnert und erinnern kann, dazukommt.

Aber gut, nehmen wir an, die Nazizeit, der Kalte Krieg sagt "den Jugendlichen" emotional nichts mehr (Burger). Nehmen wir an, da hätte sich einer von seiner Familiengeschichte, von den Erfahrungen der frühen Kindheit allseitig – materiell, ideel und emotional - verabschiedet und keine offenen Fragen, keine offenen oder vernarbten Wunden mehr. Um in diesem Stadium der Unschuld zu bleiben, bedarf es zweierlei: Er darf keinerlei Information über die Vergangenheit ausgesetzt werden (das könnte Angst machen und die entsetzte Frage aufwerfen, wie war das möglich? Ist es wieder möglich? Kann es mich treffen?) oder wie Burger meint, auf blöde Gedanken bringen. Er darf aber auch keinerlei Information über die Gegenwart ausgesetzt werden – schon gar nicht in Österreich.

Als unhistorisches Wesen würde er allerdings bestimmte Haidersager gar nicht verstehen, sie gingen ihn nichts an. In seinem reingegenwärtigen Dasein hätte er mit nichts Probleme, was in Österreich passiert, nicht mit "Parasiten", "Eröffnung der Jagdsaison", den ehrenwerten SSlern von Krumpendorf. "Meine Ehre heißt Treue", könnte er sich reinen Herzens täglich im Spiegel bestätigen .... Er würde es garnicht einordnen können. Er müßte täglich, stündlich möglichst viel vergessen, denn schon das Gestern gesagte, Beschlossene wäre Anlaß für Unbehagen, unzivilisiertes Beharren auf Vergangenem, Grund, Vergeltung zu fordern oder gar die Ablöse der blau-schwarzen Regierung. Die Mühe des Vergessens bliebe ihm erspart, wenn er die Gegenwart erst gar nicht wahrnähme.

"Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frißt ruht, verdaut.....kurz angebundenan den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig." So beginnt Nietzsche seine Abhandlung "Vom Nutzen und Nachteil der Historie". Darin richtet er sich vehement gegen ein Übermaß an historischer Bildung, und warnt davor, daß die Vergangenheit die Gegenwart erschlägt. Glück wird nur zu solchem (auch im Beglücken anderer) durch Vergessen können. Der Mensch ist aber eben kein Tier, er hat Vergangenheit und weiß um sie und damit um seine Vergänglichkeit. Nietzsche redet daher nicht dem Vergessen das Wort, sondern einem Gleichgewicht von Vergessen und Erinnern, beides brauchen wir zum Leben. Das Ausmaß der fruchtbaren Beschäftigung mit Vergangenem hat für Nietzsche eine klare Bedingung: "Je stärkere Wurzeln die innerste Natur eines Menschen hat, umso mehr wird er auch von der Vergangenheit sich aneignen." !

Nicht mal Nietzsche geht so weit wie Burger, die Vergangenheit (weder absolut noch relativ) von der Gegenwart zu trennen. Daß sich niemand vollständig von dieser Kette lösen kann, ist für ihn unterscheidendes Merkmal gegenüber der Herde auf der Weide.

Wer die Herde will, wird vergessen predigen.

Hinter Burgers These, daß die Vergangenheit nichts mit der Gegenwart zu tun hat, steckt seine Forderung sie möge bitte nichts mit der Gegenwart zu tun haben, v.a. nicht, immer wieder alte Wunden aufreißen, die Spaltung in Täter und Opfer wiederholen, kein Richten in der Gegenwart aufgrund Schulden der Vergangenheit. Das Plädoyer fürs Vergessen schafft sich seine ideologischen Wurzeln.

Da die Vergangenheit jedoch in der Gegenwart mächtig wirkt, möge Burger doch seinen Wunsch an die Mächtigen richten und nicht an die, welche die gegenwärtige Macht alter Gedanken, Ideologien, Gesellschaftskonzepte kritisieren.

Zur Kritik an einer kontraproduktiv fokussierten Beschäftigung mit Vergangenheit trägt Burgers These 1 und ihre Veröffentlichung im Standard nichts bei. Da wäre es sinnvoller, die Forschung und Debatte z.B. über die Rolle des Austromarxismus, über Phasen, wo noch verhindert hätte werden können und warum nicht wurde, über den Unterschied zwischen Totalitarismus und Autoritarismus wieder aufzunehmen. Es hängt vom Interesse in und für die Gegenwart ab, welche Fragen gestellt werden; daß die Frage nach der Kollektivschuld nicht die fruchtbarste ist, sei Burger zugestanden.

Ad 2. "Zu allen Zeiten erschien den Menschen ... das Vergessenkönnen als moralische Leistung"

"zivilisatorische Leistung ersten Ranges, als es der griechischen Philosophie gelang, das mythische Erinnerungsgebot zu durchbrechenund an seine Stelle dessen Negation zu setzen: das Gebot, nicht zu erinnern"

Diese Behauptungen entbehren jeder historischer Grundlage. Plato und sein Erinnern will ich nur mal kurz erwähnt haben. Aristoteles mag zu Wort kommen: "Es verfügen zwar von Natur aus die Lebewesen über Sinneswahrnehmung, aber bei einem Teil von ihnen entsteht daraus keine Erinnerung, beim anderen aber schon. Daher sind diese verständiger und gelehriger als die, die sich nicht erinnern können." Burger als Philosoph müßte das wissen. Was treibt ihn? Laut Burger hat die Erinnerung an Verbrechen oft genug Folgeverbrechen hervorgerufen, die narrative Weitergabe von Mythen schafft "im Bewusstsein der Generationen ein "kollektives Gedächtnis" ..., das das Unheil fortwälzt". Es sind also die Erinnerer und Erzähler, die Unheil hervorbringen, nicht die Täter. Burger verwechselt die Erinnyen mit der Erinnerung, die Blutrache über Generationen mit der Benennung der Täter und ihrer Verurteilung. Der Überbringer der Nachricht wird hingerichtet. Nicht wer SSler als ehrenwerte Männer bezeichnet, stiftet Unfrieden, sondern wer darüber berichtet.

Abgesehen davon straft er sein eignes Argument - Völker haben kein Gewissen, kein kollektives Unbewußtes etc. weil sie keine Subjekte sind – hier Lügen. Danach gäbs kein Bewußtsein der Generationen, das durch Erzählungen hergestellt werden könnte und ein kollektives Gedächtnis auch nicht in Anführungszeichen.

Burger "erinnert" daran, daß Friedensschlüsse oft Amnestie – Vergessenkönnen – beinhalteten, wieviele Friedensschlüsse aber waren Diktatfrieden, notdürftige Kompromisse und enthielten schon den Keim zu neuen Konflikten?

Zu solchen unhaltbaren Thesen über die griechische Philosophie und die Geschichte aus "unvordenklichen Zeiten" kann vermutlich nur kommen,wer Frieden um jeden Preis für die Gegenwart fordert.

Der Preis ist die Verwandlung in die Herde auf der Weide und die drei chinesischen Affen.

Wem nützt´s?

© Christine Recht, 11.6.01