|
|
 |
Haider glaubt an die Lüge, die er ist.
20 Thesen aus gegebenem Anlass
- Auch Hitler hat ja an das geglaubt, was er sich vorlog. Haider wie Hitler
sind existierende Lügen.
- Haider ist ein erwachsenes Kind. Das war Hitler auch. Aber: wie soll man
einem 50jährigen Kind das Spielen verbieten? Das, genau, macht ja seinen
Charme, seinen Reiz, seine Faszination aus: dass er mit sich und den
Menschen spielt.
Nein, er habe die Veranstaltung der Lega Nord nicht besucht, liess sein Büro
ausrichten; nein, er habe dort nie gesprochen, wurde weiter gelogen; am Ende
waren es nur "auguri"- Glückwünsche, die er dort abgeliefert haben will. Wer
aber die Bilder dann sah, als sie das Fernsehen zeigte, stiess auf einen
glückstrunkenen, siegreich den Massen zujubelnden Mann, dessen einzige
Bosheit seine Kindlichkeit ist, mit der er die Macht anstrebt.
- Hitler musste seine Macht noch erkämpfen, das ging nicht ohne Blutbäder
ab, Haider vibriert vor Lust, sich die Macht erspielen zu können. Wie ein
altes, freches Kind.
- Das ist ansteckend, macht auch anderen Mut, gibt den Menschen Hoffnung,
putscht sie auf, setzt sie moralisch unter Droge. Haider wie Hitler zwei
Hoffnungsmacher, die ihre Anhänger dazu bringen, sich in ihnen, den Siegern,
zu spiegeln. Hitler mit seinem Kriegsgeschrei, voll blutiger Aggressionen,
Haider spöttisch, rotzig, verspielt, ein Vorläufer der "Spass-Generation",
der sogar mit seinen Feinden noch spielt. Das macht ja den Umgang mit seinem
Rassismus, seiner Fremdenfeindlichkeit, sogar seinem Nazismus so schwer:
dass er auch damit nur spielt; ihn zur Häfte zurückzieht, auf ein Drittel
verkürzt, ganz fallen lässt, dort, wo die Politik es erfordert. Siehe sein
Interview in den USA und seine gewundene Distanzierung vom
Nationalsozialismus später, zu Hause.
- Ich prophezeihe: auch von seiner Fremdenfeindlichkeit wird er sich
distanzieren, sobald er Morgenluft wittert: hofft, sich die Macht damit
erspielen zu können.
- Ernst ist es Haider nur mit sich selbst, heilig ist ihm nur er sich
selber. ER, der sich mit gläubig zu IHM aufblickenden, IHN umrundenden
Menschen umgibt - die geniale Plakatserie der letzten Wahl.
- Die Anleihen bei der Religion sind unübersehbar, die Töne des
Kulturkampfes unüberhörbar. Auch Hitler hat ihn geführt, sich den Massen
meisterhaft als Messias präsentiert, wenn er in seinen Reden an den
entscheidenden Stellen die "Vorsehung" beschwor, oder, unter dem Jubel der
Menschen, die Österreicher auf dem Heldenplatz von der verhassten Autonomie,
dem "lebensunfähigen" Kleinstaat befreite: "...melde ich vor der Geschichteden Eintritt meiner Heimat..." Und alle Dokumente belegen den heiligen
Ernst, mit dem der Zyniker Hitler an das glaubte, was er "Berufung" nannte,
an seine Lüge.
- Immer wieder, immer wieder geht es auch Haider um die Verweigerung der
Autonomie, die Rücknahme der Moderne. Vor etwa zwei Jahren spielte er sich
plötzlich zum "Schutzpatron des kleinen Mannes" auf; ein Sager, direkt aus
der Sakristei; der rasch wieder von der Bühne verschwand; vielleicht direkt
von Krenn eingeflüstert; ein Sager aber auch, der das Böse, das
Faszinierende an Haider deutlicher macht als der von der geglückten
"Beschäftigungspolitik" des Dritten Reichs: Haider, der sich freilich nur
rhetorisch mit Bischofsmütze und Krummstab drapiert, weil er weiss, wie
anfällig wir Österreicher, noch immer, für geschenkbringende Nikoläuse,
gnädige Kaiser, ein geldregnendes Lotto, kurzum: den "Segen von oben" sind.
- Haider erzählt uns seit 13 Jahren mit allen Fasern seiner Existenz und in
vielen Variationen nur eine einzige Story: wie toll es ist, dass wir uns
ducken; damit er, und nur er, der sich etwas trauende Jörg, uns wieder
aufrichten kann.
- Man kann über Hitler nicht reden, ohne über das Böse zu reden. Dies gilt
auch für Haider.
- Die Verweigerung der Autonomie ist das Böse an Haider wie Hitler.
- Hitler hat den Deutschen die kollektive Autonomie verweigert: die
Demokratie: er hat sie, ganz körperlich, bis in den Schutt der Bomben und
die Ermordung der Menschen vernichtet.
- Haider verweigert uns die individuelle Autonomie: die der Moderne. Haider
ist böse, weil er uns auf bezaubernde Weise zu verstehen gibt, er, und nur
er allein, sei imstande, uns die Last der Individualisierung abzunehmen. In
religiöser Sprache heisst das "Erlösung".
- Sein "Kinderscheck" ist genau das: die Vorgaukelung individueller
Autonomie für die Frauen. Das Böse daran sind nicht die mögliche
Unbezahlbarkeit, die Milliardenkosten, sondern die allgemeine
Bestechlichkeit, die Haider den Frauen mit dem Scheck unterstellt.
- Haider wie Hitler sind Meister der Mittel: der Medien: des schönen Scheins
und der tollen Wirkung. Das imponiert. Ein Van der Bellen, der von der
Brücke hüpft? Net amol hinschaun! Klima, der sich vom Gummiband
zurückschnellen lässt? Gelt Vickerl, man müsst sich halt trauen! Schüssel,
der eine Felswand durchklettert? Armer Wolferl, sei froh, dass d` wenigstens
singen kannst!
- Haider liegt in der Wahl seiner Mittel global im Trend, auch der
siegreiche Kapitalismus der Globalisierung herrscht ja nur mit Hilfe der
Mittel. Sinn stiftet er keinen. Haider ist sinnlos.
- Aber das war der Nazismus ja auch.Und hat geschichtlich gesiegt. Zumindest
kurzfristig. Faschismus und Nationalsozialismus haben schon einmal gezeigt,
dass die absolute Sinnlosigkeit ökonomisch: der Krieg, und menschlich: die
Hölle Erfolg haben können. Bis zum Zusammenbruch halt.
- Unsere Sehnsucht nach dem Bösen ist die Sehnsucht nach Heimat, nach
Abhängigkeit, nach Nicht-Autonomie, anstelle der kalten, rationalen
Moderne. Haider gaukelt uns vor, es sei möglich, diese Sehnsucht zu stillen.
Durch ihn. Das ist seine Lüge. Haider ist kein "Erlöser³, aber er spielt ihn
perfekt.
- Seine "Dritte Republik" ein Klon aus "Drittem Reich" und
"Musikantenstadel". Nein danke. Ich, jedenfalls, habe mir vorgenommen,
sollte es je dazu kommen, mich den Regieanweisungen eines Jörg ÜberMoik zu
widersetzen.
- Spass muss sein. Haider nicht.
Nachbemerkung: Die Politik hat Haider bis jetzt nicht wirklich ernst
genommen, ihm nichts entgegengesetzt; ausgrenzen allein war zu wenig. Aber
auch die Intellektuellen sind der Herausforderung, die dieser Mann dem
Gedanken stellt, bis jetzt nicht gewachsen gewesen; haben sich eher
moralisch entrüstet, als nachgedacht. Die erste gründliche Analyse habe ich
im Standard vom 20. 11. 1999 gelesen: Tom Appleton kommt in seinem ruhigen,
unaufgeregten Essay inhaltlich zu ähnlichen Erkenntnissen wie ich. Haider
sei ein "Hitlerkranker, wie es sie zu tausenden gibt," schreibt er dort,
den man zwar verstehen könne, der aber "sich selber nicht versteht." In
meiner Sprache: eine existierende Lüge, wie Hitler. Oder: ein ichloses Ich,
das nur eines will: Macht. Reine Macht.
Allerdings ist Appletons Text formal keine Kampfansage, wie diese Thesen,
die Haider bewusst dort herausfordern, wo er hilflos ist: auf der
rationalen Ebene.
Zur Person des Autors: Uwe Bolius, 59, ist Schriftsteller und Filmemacher
in Wien. Sein jüngster Film über Margarete Schütte Lihotzkys Zeit im
Widerstand gegen Hitler wurde soeben im Polycollege Stöbergasse der
Öffentlichkeit vorgestellt und vom ORF ausgestrahlt.
Uwe Bolius, April 2000
|
|