"Keiner will es müssen - aber alle müssen es wollen"
Die Rede ist von der Arbeit, oder vielmehr von "Beschäftigung" wie man
neuerdings zu sagen pflegt. Die meisten kennen das Problem. Es gibt eigentlich
nichts zu tun, dem Chef zuliebe tut man aber so als ob. Kaum hört man Schritte
am Gang verfällt man in ein Ritual sinnloser Emsigkeit.
Jetzt haben sie uns
erwischt! Ein Raunen geht durch die Menge der Emsigen. Eine Studie von
Unternehmensberatern will nachweisen, dass noch mehr geleistet werden könnte,
wenn man nur wolle. Wollen wir? Ich vermisse den Aufschrei. Ich würde nämlich
gerne wissen wie man Leistung objektiv messen kann. Außerdem, richtig gelesen
ist die gleiche Studie doch ein Plädoyer für eine Arbeitszeitverkürzung um 42
Prozent. Es gibt offensichtlich trotz angeblicher permanenter Beschleunigung
noch sehr viele Reserven für den Müßiggang. Anstatt die Inanspruchnahme dieser Reserven zu fordern, nicken wir
autistisch und signalisieren damit Zustimmung. Zu tief sitzt auch in uns der
Mythos Arbeit.
Marandana! Mabittigoaschee! Jessas!
Große Aufregung herrscht, wenn jemand in den Verdacht gerät unproduktiv zu
sein. "Nicht streiten - arbeiten!" hat die Kronenzeitung schon öfter getitelt.
"Wer nicht arbeitet soll nicht essen" hat man früher gesagt. Lasst die Regierung
arbeiten ist eine geflügelte Redewendung. Die EU berät über die
Beschäftigungsproblematik und wir sind zufrieden. Sonst wächst ja, bitte schön, keine Wirtschaft mehr.
Ich gebe zu, dass es bei einem derartigen Bombardement mit als
Wahrheit getarnter Moral nicht einfach ist, einen klaren Kopf zu bewahren. Aber
ist nicht die Verdrängung des Begriffes Arbeit durch das Wort Beschäftigung
schon verräterisch?
Demonstrieren Ja, aber...
Selbst in der Auseinandersetzung um die Proteste gegen die Regierung findet
sich das Leistungsdenken wieder. Manche Kritiker (sie meinen's ja nur gut mit
uns!) der Donnerstag-Demonstrationen hätten den Protest ganz gerne unter das
Diktat der Leistungsgesellschaft gestellt. Demonstrieren - Ja, aber nur wenn's
auch etwas bringt, also doch nicht demonstrieren, weil es bringt ja nichts.
Nicht Gleichgültigkeit, aber etwas mehr Gelassenheit wäre angebracht. Fixierung
auf schnellen Erfolg ist der Grundstein des Scheiterns. Bekanntlich höhlt ja
steter Tropfen den Stein und die aktuellen Proteste kann man durchaus als
ein bisserl Hochwasser bezeichnen.
Die Sinnfrage
In besagter Studie von Czipin & Partner werden Begriffe wieder mal völlig
verdreht. Permanente Produktivität wird als sinnvoll beschrieben. Nichtstun ist
für die Autoren der Studie der Inbegriff der Sinnlosigkeit. Kurz: Arbeit = Sinn.
Nichtstun = Unsinn. In diesem Sinne ist Unsinn machen gar nicht möglich. Was
verstehen wir dann unter sinnlich? Da kommt man schon ganz schön ins sinnieren.
Ich kenn mich jetzt bald nicht mehr aus.
Nein zum Privilegienabbau
Produktivität ist super und hat logischerweise für die Regierung der Tüchtigen und Fleißigen
einen ganz ganz hohen Stellenwert. Darum sollen ja Privilegien abgebaut werden,
natürlich nur jene von denen die sie gar nicht verdienen, - bitte schön, denn
Leistung soll sich wieder lohnen. Na ja wer's mag. Nun gut, wenn die Regierung
nicht für uns, sondern statt uns arbeiten würde, könnten wir uns eventuell
einigen. Das wird natürlich nicht geschehen. Kurz habe ich doch zu utopisch
gedacht.
Nun aber zurück zur knallharten Wirklichkeit des politischen
Pragmatismus. Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich sage nein zum
Privilegienabbau, aber Ja zu einem konsequenten Privilegienausbau für die
Benachteiligten. Arbeitszeitverkürzung um 42 Prozent!
Die Moral der Geschicht'?
Besser unproduktiv als kontraproduktiv ist die Devise. Im Sinne der
Studie des Unternehmensberaters Czipin & Partner werde ich nun meine
persönlichen 42 Prozent ungenutzter Produktivität auf einer sonnigen
Kaffeehausterrasse sinnlos verstreichen lassen und wenn ich mit dem Nichtstun
fertig bin, gehe ich zur Demo.
Tip des Tages: Macht Unsinn!
Links zum Thema
Die Studie von Czipin & Partner
Frieden
durch Faulheit
Infragestellung des westlichen Modells (französisch)
Die Pflicht zur Faulheit (französisch)
Sozialphilosophie der Arbeit
Helmut Heiland 23. März 2000