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Gesicht zeigen, Stimme erheben
Eine Nachbetrachtung wider das öffentliche Schweigen

Ein Abend geht vorüber. Ein Abend der bekannten Gesichter. Unten im Publikum, dieselben Transparente, die selben Gesichter und die selben politisch engagierten Gruppen. Auch oben auf der Bühne dieselben Gesichter und Namen. Die Kundgebungen von November 1999 und Februar 2000, wie schon das Lichtermeer (dereinst) haben mir ein bestärkendes Gefühl vermittelt, dass ich nicht allein bin. Mit meiner Betroffenheit, meiner Wut, meinem Wunsch nach Veränderung. Und diesmal? Antisemitismus, Verhetzung, Diskriminierung sind offener ausgesprochen worden denn je. Der geldgierige jüdische Spekulant, der Dreck am Stecken hat, ein schlechter Österreicher ist und einsehen muss, mitsamt seiner Ostküste, dass irgendwann Schluss sein muss, wird der johlenden Menge vorgeführt. Den Bezirk, den man ausländerfrei machen wird, präsentiert man seinen Anhängern als Wahlziel, Plakate gegen Ausländer hängt man neben jene gegen Kriminalität, die konstruierten Zusammenhänge verbreitet man am Bewusstsein vorbei unter die Haut der schlafenden Menge. Feinde und Verräter werden benannt: Der EU-Kommissar, der keiner Österreichs ist, sondern ein Feind, der Oppositionschef der mit den Feinden - Regierungschefs europäischer Länder - Champagner trinkt, die Landeshauptleute, die ihr Land verraten, wenn sie über alternative Konzepte des öffentlichen Verkehrs nachdenken. Antisemitismus, Verhetzung, Diskriminierung sind offener ausgesprochen worden denn je. Ihr Gesicht gezeigt, ihre Stimme erhoben haben weniger denn je. Vielleicht habe ich mich deshalb an diesem Abend auch unter 8000 allein gefühlt. Alleingelassen. Die Frage quält: Wo sind sie alle? Wo ist der Bundespräsident? Wo sind die Menschen des öffentlichen Lebens, die breitenwirksamen Idole aus Fernsehen, Musik und Sport, wo ist die Bischöfe, wo die unantastbaren moralischen Autoritäten dieses Landes? Wo erheben sie ihre Stimmen, wo zeigen sie ihr Gesicht? Wo sind die Menschen, die parteipolitisch unverbraucht und uneinordenbar, selbst den Anhängern des Rassismus und Antisemitismus unverdächtig erscheinen müssen, der irrealen, konstruierten "linken Jagdgesellschaft" anzugehören? Mit jedem öffentlich ausgesprochenem Satz der Verhetzung der öffentlich von den dafür geeigneten Personen unwidersprochen bleibt, sinkt eine Schwelle - für viele unbemerkt, für wenige wütend machend wahrgenommen. Eine Schwelle, deren Überschreitung, ist sie erst geschehen, niemand vorhergesehen haben wollte, niemand für möglich gehalten hätte und an der dann niemand schuld sein will. Ja es ist eine Schande in diesem Land. Ja es ist eine Schande was der Kärnter Landeshauptmann zur politischen "Kultur" dieses Landes erhoben hat. Aber das ist der kleinste Teil dieser Schande. Der größte Teil dieser Schande ist das Schweigen. Das Schweigen, das dieses Land einhüllt. Das Schweigen derer, die gehört werden müssten, das Schweigen derer, an denen selbst die ZIB 1 nicht vorbeischauen und vorbeihören könnte, wie an der Kundgebung vom 16. März. Es ist ein Irrtum zu glauben, Sprechen wäre öffentlich, aber Schweigen Privatsache. Das bedrohliche Schweigen dieser Tage ist ein öffentliches, ein Schweigen der Duldung, ein Schweigen der Normalität, ein Schweigen der Bequemlichkeit, ein Schweigen der Unpositionierung. Und in den Geschichtsbüchern von morgen - vielleicht - schon das Schweigen der Mitschuld.

Mit freundlichen Grüßen

Mag. Peter Adelmann
Mitglied der Humanistischen Plattorm
Initiative für eine menschliche Politik