Fürs
Vaterland?
Die nationale Fahne deckt jedes Unrecht, jede
Unmenschlichkeit, jede Lüge und, wenn es sein muss, jedes Verbrechen. (Aus:
Rudolf Rocker Der Nationalismus in 2 Aufsätzen).
Als jemand, der sich jahrelang
antimilitaristisch engagiert hat, habe ich natürlich ganz spezielle Erfahrungen
mit dem Staat und denen die sich für besonders treu halten. Schließlich war ich
schon vor fünfzehn Jahren ein "Vaterlandsverräter und Nestbeschmutzer".
In meiner
Familie sagte mal jemand, er könne meine Wehrdienstverweigerung nicht
unterstützen, schließlich seien zwei seiner Brüder "fürs Vaterland" gestorben.
Müsste es nicht eigentlich heißen "wegen dem Vaterland"?, war mein bescheidener
Einwand.
Living in perfect harmony?
Der Diskurs um den geforderten Schulterschluss, erzeugt
bei mir intensives Unwohlsein und Gänsehaut. Ich finde die Berge recht nett und
habe mich an so manche kulturelle Eigenheit gewöhnt, dass ich sie als angenehm
empfinde. Irgend etwas habe ich aber offensichtlich nicht verstanden. Bin ich
emotional blockiert, weil ich keine tiefen Gefühle gegenüber dem Land empfinde?
Ist es noch legitim, dass ich mich hier trotzdem einigermaßen wohl fühle? Muss
ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich hier mal nicht wohlfühle? Ein
gewisses Harmoniebedürfnis ist durchaus auch in mir vorhanden. Aber Liebe?
Das klingt in diesem Zusammenhang verdächtig nach Unterordnung .
Das Land zu lieben,
sei denen überlassen, die dazu fähig sind. Ich liebe weder Land und schon gar
keine Regierung. Liebe ist für mich etwas ganz persönliches, privates. Wenn sich
ein Staat in mein Gefühlsleben einmischt, so empfinde ich das als unzumutbare
Einmischung in mein Leben, als Belästigung.
Gleiches mit gleichem
bekämpfen?
Mit der Verschärfung der Zuwanderungsbestimmungen wollte
die rot-schwarze Koalition den Aufstieg der FPÖ verhindern. Das Gegenteil ist
eingetreten. Der ÖVP wird zurecht der historische Irrtum eines Pakts mit der FPÖ
vorgeworfen. Nun sind wir auf dem Weg die gleichen Fehler neu zu begehen. Die
FPÖ gibt weiter das Thema vor und das heißt unverändert Österreich bzw. Inland.
"Böser" Nationalismus lässt sich nicht mit "gutem" Nationalismus bekämpfen, auch
dann nicht, wenn dahinter ehrenwerte Motive stehen. Im konkreten Zusammenhang
erinnert mich der "gesunde Patriotismus" an die "g'sunde Watschen".
Mehr Privat, - weniger
Staat?
Es ist schon auffällig, dass gerade jene die "Mehr
privat, weniger Staat!" propagieren, am stärksten eine dumpfe Identifikation mit
dem "Vaterland" erwarten. Ein Staat ist aber kein Nest, sondern ein Rechtssystem
das sich täglich neu definiert. Von dieser
Gesellschaftsform erwarte ich mir die Weiterentwicklung und Wahrung von Rechten,
wenn möglich auf der Basis rationaler Überlegungen. Das hat etwas mit
Verantwortung zu tun. "Vaterland" klingt aber nach einer unerschütterbaren Naturgewalt. Stolz und Liebe blenden und machen
nachsichtig.
Vaterlandsliebe von Menschen zu erwarten, damit sie in der
Gesellschaft willkommen sind, ist eine gefährliche Zumutung. In diesem
Zusammenhang ist es mir auch herzlich egal, ob es von den "Guten" oder den
"Bösen" eingefordert wird. Das riecht immer nach Bedingungslosigkeit, nach
Unterwerfung, nach Obrigkeitsstaat.
Menschen die sich für aufgeklärt halten,
sollten sich nicht vor einen solchen Karren spannen lassen. Dabei kann man sich
nur die Finger verbrennen. Selbstbewusstsein und nicht Untertänigkeit ist
angesagt. Es gibt keine Hand die uns füttert, aber unzählige Gründe zu beißen.
Helmut Heiland, am 14.April 2000
Was ist eine Nation? Ernst Renan, Sorbonne am 11. März 1882
Thomas Bernhard
Argumente gegen rechts