Libération - la semaine
Provokation bei den Wiener Festspielwochen
Der Deutsche Schlingensief sperrt die Asylsuchenden ein
"Ausländer Raus!" Mit diesem rassistischen
Hassgeschrei ("Etrangers foutez le camp!, wie die Franzosen sagen würden, Anm.),
der auf dem Opernplatz seine größte Wirkung erzielt, das ist auf der Seite des
Ringes, versucht der junge deutsche Regisseur Christoph Schlingensief nicht, die
sanfte Tour einzuschlagen. Anlässlich seiner letzen Straßenveranstaltung, die am
Sonntag Abend im Rahmen der Wiener Festwochen stattfand, hat er an diesem von
Touristen am häufigsten aufgesuchten Ort dieser Stadt 12 Asylsuchende
(Afrikaner, Chinesen, Bosnier...) in zwei Container gesperrt, die nur mit
Toiletten, einer Dusche und einem Schlafplatz ausgestattet waren. Zahlreiche
Kameras überwachen permanent die Taten und Gesten dieser Gefangenen und
übertragen sie auf Bildschirme, die sich um die Eisenschachteln herum befinden.
Diese Bilder können auch via Internet beobachtet werden (Die Seite
www.auslaenderraus.at konnte 70.000 Besucher am ersten Abend verzeichnen). Diese
Aktion dauert eine Woche, und jede Nacht wir eine sympathisierende
Persönlichkeit hier präsentiert werden, am Freitag ist das Daniel Cohn-Bendit.
Täglich werden 2 Antragsteller aus Österreich nach dem direkten demokratischen
Prinzip ausgewiesen: eine Gratistelefonnummer wurden den Einwohnern zur
Verfügung gestellt, und diese können damit anonym darüber abstimmen, wer von den
Beklagenswerten ihnen am meisten missfällt. Und (wie bei Agathe Christie, Anm.)
schließlich erhält der Letzte, der noch übrigbleibt eine Aufenthaltsbewilligung.
Fasson "Big Brother". Damit man klarsieht: die eingesperrten Personen sind
Schauspieler, genauso wie die Polizisten, die sich ihrer annehmen, um sie
auszuweisen. Die Anzüglichkeiten von Schlingensief, das Enfant Terrible der
deutschsprachigen Szene, zielen nicht darauf ab, noch etwas zum kursierenden
Rassismus im Land der Sissy hinzuzufügen. Im Gegenteil, indem er den
xenophobischen Kurs der FPÖ überdeutlich reproduziert (deren offizielle Fahnen
in den vier Ecken der Container flattern), beabsichtigt er, nicht nur die
Wahlkampfthemen der Partei von Jörg Haider mit aller Vehemenz anzuprangern,
sondern vor allem den Opportunismus des konservativen Kanzlers Schüssel
(Schlingensief wird von der Justiz dafür belangt, da er kürzlich erst anlässlich
einer Theaterszene "Nieder mit Wolfgang Schüssel"! Angestimmt hatte"), der es
der österreichischen extremen Rechten ermöglicht hatte, in die Regierung
einzuziehen. Und dem ganzen wurde noch dadurch die Krone aufgesetzt, dass man
die Reflexion des Typus "Demokratie und Television" zu Hilfe genommen hat, und
das in der Absicht, um für die Deutschen, die Österreicher und einige andere
europäische Menschen eine direkte Anspielung auf Big Brother zu machen, eine
Durchleuchtungsproduktion, die im gleichen Maße dumm war, wie sie unterhaltend
war; genauso wie bei diesem unrühmlichen Vorbild wurden auch hier Menschen
eingesperrt, wurden Kameras aufgestellt und wurde über Telefon abgestimmt.
Fort mit den Maskierungen. Von Seiten der Regierung ist die Nachricht sofort
aufgenommen worden. Der Kulturverantwortliche der FPÖ ist auf sein allergrößtes
Pferd gestiegen und hat die sofortige Annullierung dieses Spektakels gefordert.
Aber die Politaktion von Schlingensief hat es vor allem erlaubt, Peter Marboe zu
demaskieren, das ist ein Gemeinderatsabgeordneter der Stadt Wien in Sachen
Kulturpolitik, von dem das Festival abhängt. Dieser politisch einflussreiche
Mann im Schoße der ÖVP (die Partei von Schüssel) hat von sich vor 4 Monaten
hören gemacht, durch seine Vorbehalte gegenüber der neuen Koalition. Und das
hatte es wiederum Luc Bondy, dem künstlerischen Leiter der Wiener Festwochen
erlaubt zu behaupten, mit einem solchen "Patron", könnte seine Manifestation
unter dem Titel "Resistenzplatz" stattfinden. Tatsächlich war es dann so, in dem
Maße wie die Programmabfolge mehr kulturell bestimmt war als politisch, lief
alles ohne Troubles ab. Bis dann Christoph Schlingensief nach Wien kam, der von
Bondy gerade deswegen eingeladen worden war, um die Rolle des politischen
Kläffhunds abzugeben. "Ich kann nicht begreifen, dass das Festival eine solche
Sache zulässt!", hat sich Marboe in einem Interview entrüstet, das er (ich
übersetze jetzt wörtlich: dem Kohlblatt, Anm.) also dem populistischsten aller
Revolverblätter dieses Landes gewährt hat. Und das alles geschah, bevor er sich
zwei Tage später wieder zurückgenommen hat, indem er ein paar Gedanken über die
Freiheit der Kultur hervorgezwängt hat. In der Zwischenzeit hatte es zwischen
Bondy und ihm eine telefonische Unterhaltung in Art von Gewitterstimmung
gegeben. Er, Bondy, soll dabei sogar damit gedroht haben, im Falle der Absage
der Aufführung von Schlingensief, zu demissionieren. Und das wiederum hätte im
aktuellen Kontext auf der österreichischen demokratischen Ebene einen
ordentlichen Schandfleck hinterlassen.
Von PIERRE DAUM, Am Dienstag, 13. Juni 2000