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"Globalisierung" ist eines der großen Schlagworte der neunziger Jahre - eine der mächtigsten Metaphern, die unsere heutige Welt, die allgemeinen Denkhorizonte und das vorherrschende Lebensgefühl so eindringlich spiegelt und beeinflußt wie nur wenige andere. Daß der traditionelle nationalstaatliche Rahmen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens zusehends eng und brüchig wird und in absehbarer Frist - zwar nicht sofort, aber doch früher als wir vielleicht glauben möchten - weitgehend überholt sein wird, ist an allen Ecken und Enden zu spüren. Ob nun mit sozialdarwinistischer Markt-Deregulierung frenetisch vorangetrieben oder mit sozial- und demokratiepolitischer Verantwortung kanalisiert und reguliert - oder auch mit fremdenfeindlichem Fanatismus bekämpft -, das immer zügigere Zusammenwachsen der Welt ist auf jeden Fall unumkehrbar, unaufhaltsam und drängt sich selbst dem wenig sensibilisierten Blick immer stärker auf. Die zugleich auftretenden Gegenreaktionen in der Form ethnisierender Bewegungen, die nationalistisches Gegeneinander, Festungsdenken, "balkanische" Aufsplitterung und Kampf der Kulturen auf ihre Fahnen geschrieben haben, zeigen gerade auch durch ihre intolerante Heftigkeit, wie wenig sie in Wirklichkeit gegen die immer dichtere Vernetzung unseres Planeten ausrichten können. So sehr sie der objektiven Globalisierung gegenüber auch machtlos sind, so sind sie doch überaus wirkungsvoll als Unternehmungen der subjektiven Verweigerung, sich ihr bewußt und mit sozialer und ökologischer Verantwortung zu stellen - und in diesem Sinne sind sie also durchaus auch sehr mächtig und gefährlich.

Die großen historischen Globalisierungstrends betreffen nun weitaus umfassendere Realitäten als die aktuelle Homogenisierung der Weltwirtschaft unter dem Diktat der Finanzmärkte oder den Siegeszug weltumspannender elektronischer Kommunikationsnetze. Unser ausgehendes Jahrhundert und Jahrtausend markiert, wie etwa der Soziologe Edgar Morin überzeugend zeigen konnte, den bisherigen Höhepunkt des "planetaren Zeitalters". Dessen Anfänge gehen bereits auf das ab 1492 erwachende Bewußtsein vom Planeten Erde zurück, und seit dem späteren 19. Jahrhundert hat es über sich beschleunigende Entwicklungen des Welthandels, interkontinentaler Transport- und Kommunikationsmittel, über internationalistische Ideen und Bewegungen, aber auch über die beiden Weltkriege und die existentielle Bedrohung durch Atomwaffen und Umweltzerstörung schließlich zu einer Situation geführt, in der wir immer mehr und unwiderruflich - im Guten wie im Schlechten - als ganze menschliche Gesellschaft im selben Boot sitzen. Sowohl die Verwirklichung der Chancen, die diese globale Gemeinsamkeit verspricht, als auch die Abwendung einer in relativ absehbarer Zukunft drohenden globalen Vernichtung machen einen tiefgreifenden Wandel in den gesellschaftlichen Beziehungen notwendig: eine weitgehende Überwindung von Verhältnissen, die durch Interessensfeindschaft und (direkte wie indirekte) Gewalt geprägt sind (in denen der Vorteil der einen zum Schaden der jeweils anderen durchgesetzt wird). Oder, positiv ausgedrückt: die Schaffung einer tragfähigen Grundlage globaler Solidarität, des Dialogs über alle nationalen und sozialen Grenzen hinweg, der gemeinsam getragenen Verantwortung für unser gemeinsames globales Schicksal.

Trotz aller partikularistischen und ethnozentrischen Beschränkungen, so befindet Morin, nimmt in unserem Zeitalter "das Empfinden konkrete Gestalt an, daß es eine planetare Wesenheit gibt, der wir alle angehören, daß es im eigentlichen Sinn weltumfassende Probleme gibt, und bringt so eine Evolution in die Richtung eines planetaren Bewußtseins mit sich." Freilich wird diese Evolution durch überaus hartnäckige Gegenkräfte torpediert: "In der Begegnung der Kulturen behält die Verständnislosigkeit gegenüber der Verständigung noch die Oberhand ... Die miteinander kommunizierende Menschheit bleibt immer noch eine 'Patchwork'-Menschheit. Gleichzeitig mit der Globalisierung spitzt sich auch die Balkanisierung zu. Es gibt wohl Anfänge eines planetaren Handelns und Denkens, deren Wirksamkeit wird jedoch durch den Einfluß der Lokalismen und Provinzialismen ungeheuer verzögert und gelähmt ... Obwohl es nunmehr ein gemeinsames Schicksal gibt, ist daraus noch nicht das Bewußtsein einer Schicksalsgemeinschaft erwachsen.

" Ein wesentlicher psychologischer Kern dieses "Problems der Probleme - des Unvermögens der Welt, Welt zu werden, des Unvermögens der Menschheit, Menschheit zu werden" (Morin) - ist nun sehr schlüssig in jener tief in der Mentalitätsgeschichte verwurzelten Anfälligkeit für Feindbilder und Vorurteile zu erkennen, wie sie etwa von Freud in seiner vielzitierten Formulierung veranschaulicht wird, daß es "immer möglich ist, eine größere Menge von Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur andere für die Äußerung der Aggression übrigbleiben." Diese Beobachtung verweist treffend auf den emotionalen Untergrund feindbildhafter Einstellungen: auf zwanghaft-unbewußte Bedürfnisse nach der Existenz anderer Personen bzw. von Außengruppen, die dämonisiert und verächtlich wahrgenommen werden können und mit welchen daher Solidarität, ernsthafter Dialog oder gemeinsame Verantwortung als unmöglich empfunden werden - da sie ja als "Verkörperungen des Bösen und Verächtlichen" herhalten müssen, d.h. als Projektionsflächen für unerträgliche (und eben daher unbewußte) Gefühle und Regungen im eigenen Innenleben und im Innenleben der eigenen Ingroup.

Diskussions-Veranstaltung am Freitag den 9. Juni, ab 17 Uhr im Café Prückel
(Stubenring 24)
Das Thema: "Die Herausforderung der globalen Gesellschaft. Psychologische Voraussetzungen und Hindernisse".
Die Homepage des Café Philosophique, auf der man mehr über diese relativ
neue zivilgesellschaftliche Initiative erfahren kann: www.spinnst.co.at/cpcp