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Die neue Revolte

In Genua - und nicht erst dort - zeigte sich, dass sich die globalisierte Wirtschaft ihre eigene radikale Opposition schafft. Diese operiert zwar noch "gefährlich ungenau", doch sicher ist: Die Sitten werden rauer.

Von Peter Glotz

Das Volk von Seattle, wie sich die vielfarbige Koalition der Globalisierungsgegner pathetisch nennt, hat sich wieder einmal in Erinnerung gebracht, diesmal in Genua. Künftig dürften alle Treffen der globalen Elite - ob der Regierungs-chefs der grossen Wirtschaftsnationen G-7, der Welthandelsorganisation WTO oder des World Economic Forum in Davos - von heftigen, manchmal gewaltsamen, manchmal auch ge-waltlosen Protesten begleitet werden. Eine neue Linke entsteht, und die Globalisierungsgegner sind ihre Frühsozialisten, ihre Wanderprediger, also die naive Vorform einer neuen Internationa-le.

Erstaunlich ist dies ganz und gar nicht. Derzeit entwickelt sich eine neue Verlaufsform der Marktwirtschaft. Der digitale Kapitalismus löst den Industriekapitalismus Schritt für Schritt ab. Noch ist diese Transformation keineswegs abgeschlossen. Erst zwischen 2009 und 2014 dürfte die digitale Technologie sich so weit durchgesetzt haben, dass in den großen Indu-striegesellschaften die Megatrends Beschleuni-gung, Dezentralisierung, Dematerialisierung und Globalisierung wirklich greifen.

Dann aber werden neue Saiten aufgezogen. Eine globale Elite wird internationale Unternehmen der TIME-Märkte - Telekommunikation, Information-stechnologie, Medien, Entertainment -, der Biotechnologie, der Chemie- und der Energie-wirtschaft steuern, die die Macht der National-staaten relativieren.

Solange der globalisierten Wirtschaft aber keine globalisierte Politik an die Seite gestellt wird, wird es mannigfache Gründe zur politischen Empö-rung geben: wachsende Ungleichheit, struktu-relle Arbeitslosigkeit, ein gnadenloses Ar-beitstempo, die Abstufung und Ausgrenzung von Unterschichten und Großregionen (zum Beispiel Schwarzafrika) sowie eine kaum begrenzte Ausbeutung der Natur.

Diese Tendenzen schaffen sich ihre eigene radikale Opposition. Noch vor einem Jahrzehnt behauptete der US-Politologe Francis Fukuyama den endgültigen Sieg des Liberalismus, gar "das Ende der Politik". Er wird natürlich widerlegt werden.

Die moralischen Motive der Globalisierungsgeg-ner sind also plausibel. Ihre handfesten Thesen aber - zumeist klapprige Kompromisse zwischen Kräften höchst unterschiedlicher Herkunft - sind zumeist unsinnig, zum Mindesten gefährlich unge-nau. Sie sind gespeist von ökonomischer Trivialliteratur (zum Beispiel den Bestsellern von Viviane Forrester und Naomi Klein) und entstellt von der Unkenntnis ökonomischer Mechanismen und politischer Institutionen.

Auch dies ist nicht verwunderlich. Wie soll eine Regenbogen-Koalition, die von der katholischen Kirche bis zu radikalen Feministinnen, von Dritte-Welt-Gruppen über Schwule bis zu brasilianischen Bauernverbänden reicht, eine technokratisch überzeugende Form der Politik des Internationalen Währungsfonds entwickeln? Das ist ausgeschlossen. Man wirft sich auf irgendein Stichwort (etwa die Tobin-Tax, einen alten Vorschlag des Wirtschafts Nobelpreisträgers James Tobin zur Begrenzung der Spekulation) und dringt im Übrigen zu durchsetzbaren Handlungsalternativen gar nicht vor. Frühe Propheten sind immer Leute mit wehenden Bärten, einfachen Thesen und radikaler Moral. Ihnen "unverdauten Marxismus" vorzuwerfen, ist richtig, aber wohlfeil.

Was sich in naher Zukunft abspielen wird, lässt sich ohne Sehergabe prognostizieren. Die Proteste werden immer militanter werden. Irgendwann gibt es das erste unschuldige Opfer, das in einem beispielhaften, publizistischen Prozess zum Märtyrer erhoben wird. Vielleicht ist es schon Carlo Giuliani, 23, der in Genua von einem Polizisten erschossen wurde. Danach eskaliert der Widerstand, der sich um symbolische Figuren - zum Beispiel Subcomandante Marcos aus Mexiko - gruppiert. Als Antwort entstehen aus dem bürgerlichen Umfeld der herrschenden Eliten erzkonservative und provokative Gegenorden.

Spätestens in dem Moment kommt es dann darauf an, ob in der Politik charismatische Führungsfiguren wie Kennedy, Brandt, González, aber auch de Gaulle zur Verfügung stehen, die die Lage durch Reformen entspannen. Wo es solche Figuren - und die Strukturen, die sie natürlich brauchen - nicht gibt, entwickelt sich Mord und Totschlag, in der Regel durch die Abwechslung entgegengesetzter Regime wie früher etwa in Chile: Allende versus Pinochet.

Die Politiker müssen sich künftig warm anziehen. Sie sind viel machtloser als ihre Vorgänger zwischen 1945 und 1975. Den politischen Widerstand müssen trotzdem sie aushalten, nicht die CEOs der Weltunternehmen, die immer und zu Recht darauf hinweisen werden, dass sie gar nichts anderes tun können, als dem Shareholder Value zu opfern. Sind sie auf diesem Feld nicht tüchtig genug, werden die 10 000 Analysten und 10 000 Fondsmanager dieser Welt gnadenlos den Daumen senken. Der digitale Kapitalismus ist nämlich börsengetriebener Kapitalismus. Mit dem gelegentlich - wenn auch nur gelegentlich - wohltätigen Patriarchat des alten Patronats ist es vorbei.

Natürlich gibt es auch schon Vorlagen für reali-stische Programme zur Reform der Weltfinan-zarchitektur. Das umfangreichste stammt absur-derweise von einem der erfolgreichsten Speku-lanten der neuen Börsenwelt, von George Soros. Aber auch der indische Ökonom Amartya Sen oder der langjährige Vizepräsident der Weltbank, Joseph Stiglitz, haben sinnvolle Ideen beigesteu-ert. Mehrheitsfähig sind sie alle derzeit nicht. Im Westen herrscht noch immer eine radikal antire-gulatorische Stimmung, und der junge Bush ist zwar nicht ihr Prophet, wohl aber ihr fleißiger Exekutor. Die europäische Linke, die eigentlich die Trägerin solch reformistischer Gegenideen sein müsste, ist unsicher, gespalten, verwirrt. Die sozialistische Internationale ist seit dem Tod Willy Brandts nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Alles steuert also auf eine neue Revolte zu. Sie wird anders ablaufen als 1968, ihren Ursprung eher in Brasilien, Mexiko, der Westbank oder in Südchina haben als in Berkeley, Paris und Berlin und möglicherweise auch weniger akademisch und deswegen folgenreicher sein. Eine Parallele wird es aber geben. Die akademischen Eliten des Westens, vor allem die Studenten, werden auch von dieser Bewegung in wichtigen Teilen ergriffen werden. Noch studieren sie mit heißem Kopf Michael Porter, Hal Varian und Business- sowie Aktienoptionspläne. Das wird spätestens im Jahr 2005 wieder vorbei sein.

Die politischen Klassen sollten ihre Fühler aus-fahren, sofern sie noch welche haben. Zwar ist die Zweidrittelgesellschaft des Westens ein raffiniertes und widerstandsfähiges Modell. Sie kooptiert die wirklich konfliktfähigen Gruppen in einen Zweidrittelblock, dem es einigermassen gut geht. Im dritten Drittel, der neuen Unter-schicht, verbleiben die Arbeitslosen, die Moder-nisierungs- und Vernetzungsverlierer sowie die Entschleuniger und Downshifter, die für mehr Lebensqualität zu materiellen Einbussen bere it sind, und die Absteiger, die die Wandlungsbe-schleunigung nicht aushalten. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass aus diesem dritten Drittel eine revolutionäre Klasse geformt werden kann. Dazu sind die Dauerarbeitslosen zu entmutigt und die Entschleuniger zu hedonistisch.

Man sollte jedoch nicht vergessen, dass es in der Welt viel mehr 90-zu-10-Gesellschaften gibt als Zweidrittelgesellschaften. In Brasilien werden auch konfliktfähige Gruppen ausgegrenzt, und zwar brutal. Dort dürfte es in Zukunft abgehen, und zwar nach dem Rhythmus eines ziemlich radikalen Techno-Beats.

Der Papst weiß schon, warum er in wirtschafts-politischen Fragen so deutlich antikapitalistisch formuliert. Er sieht die Zukunft seiner Kirche nicht im laizistisch "verseuchten" Europa, son-dern in anderen Kontinenten, zum Beispiel auf dem lateinamerikanischen. Da kommt es ihm nicht auf wohlwollende Kommentare in der Businessweek, der Neuen Zürcher Zeitung oder der Frankfurter Allgemeinen an. In Genua waren katholische Gruppen ein wichtiges Ferment der Globalisierungsgegner.

Wir haben zwei Jahrzehnte einer liberalen Renais-sance hinter uns. Sie begann in Seminaren amerikanischer Ökonomen, setzte sich in der Politik Margaret Thatchers und Ronald Reagans fort und kulminierte im von den Kommunisten befreiten Osteuropa. Plötzlich war ein abseitiger österreichischer Marktradikaler namens Friedrich August von Hayek der meistzitierte Wirtschaftstheoretiker der Welt.

Derzeit beginnt das Pendel zurückzuschlagen. Der Glaube an die segensreichen Wirkungen von Deregulierung, Privatisierung und freiem Welthandel schwindet. Zwar wird der alte Planwirtschaftssozialismus ein toter Hund bleiben. Welche Etiketten der neue Linksradikalismus führen wird, ist offen; das wahrscheinlichste ist ein Amalgam aus Ökologie, Entschleunigung und ausgewählten Brocken asiatischer Religiosität. Bleibt zu hoffen, dass sich soziale Bewegungen finden, die allzu radikale Pendelausschläge aufhalten und verhindern, dass auch im Westen allzu viele Gesellschaften der religiösen Rechten oder einer strukturkonservativen Linken in die Hände fallen.

Der Kapitalismus, dessen geistige Wurzeln der große deutsche Soziologe Max Weber zu Beginn des 20. Jahrhunderts so brillant analysiert hat, ist ohne Zweifel das erfolgreichste System der Wirtschaftsgeschichte. Er bedurfte allerdings der Moderation durch den Wohlfahrtsstaat. Wird dieser durch die Globalisierung geschleift, entsteht eine Konstellation, in der die Karten neu gemischt werden.

An den neuen Spieltischen dürften rauere Sitten herrschen als an den Spieltischen, an denen wir für einige kurze Jahrzehnte nach 1945 versunken hockten und vorsichtig reizten, blufften und unsere Karten ausspielten.

Peter Glotz ist Professor für Medien und Gesellschaft an der Universität Sankt Gallen. Er war Bundesgeschäftsführer der SPD und gilt als einer brillantesten Analytiker und Theoretiker Deutschlands.

Quelle: Der Standard vom 4.8.2001.